Bild: Fraktion Grüne im Landtag von Baden-Württemberg

Corona-Brief IV

Asperg, 30. April 2020
Liebe Freundinnen und Freunde,
die Corona-Krise bringt zuweilen auch witzige Träume an den Tag oder besser gesagt, an die Nacht: plötzlich sah ich mich im Traum mit meiner über lange Jahre gepflegten Haarlänge (Typ „Weißes Album“ der Beatles, für diejenigen, die mich noch nicht so lange kennen). Was ich sehr amüsant fand. Nichtsdestotrotz ist es mir natürlich nicht verborgen geblieben, dass ab nächster Woche auch die Friseur*innen wieder öffnen dürfen und auch ich mich auf den Weg dorthin machen werde. Damit sind wir natürlich noch lange nicht wieder beim gewohnten Leben, aber diese Entscheidung gibt vielen Menschen wieder die Möglichkeit, ihren Beruf auszuüben, persönliche Kontakte zu haben und Geld zu verdienen.
Diese neue „Freizügigkeit“ gibt es aber nur mit dem Tragen von Schutzmasken. Für die meisten von uns eine völlig ungewöhnliche und sicherlich auch lästige Übung. In unserem Kulturkreis, wo man es gewohnt ist, seinem Gegenüber ins Gesicht zu schauen, ist dies sehr gewöhnungsbedürftig. Aber nach allem, was wir bisher wissen, wird dieser Zustand noch eine ganze Weile andauern. Sicherlich werden die Debatten, wie schnell man wieder ins gewohnte Leben zurückkehren sollte, in den nächsten Tagen und Wochen härter werden. Zumal nach allem, was wir bisher hörten und was beispielsweise von Winfried Kretschmann gestern im Landtag gesagt wurde.
Ganz besonders wichtig wird es sein, Konzepte zu entwickeln, wie es mit den Kindergärten und Schulen weitergeht. Nach den aktuellen Beschlüssen der Kultusministerkonferenz wird es in diesem Schuljahr keinen regulären Unterricht mehr geben. Bei der Diskussion um die schrittweise Öffnung der Kindergärten stehen sich zwei Meinungen gegenüber. Die eine Seite sagt, in den Kitas würde sich das Virus rasend schnell verbreiten. Deswegen dürfe es derzeit keine Öffnung geben. Die andere Seite betont die psychische Belastung der Kinder mit wenigen sozialen Kontakten über das Elternhaus hinaus. Wir haben im Arbeitskreis Bildung der Fraktion auch noch keine abschließende Meinung, aber wir wollen, dass man – basierend auf konkreten Hinweisen von Erzieher*innen auf besonders belastete Kinder – als ersten Schritt die kurzfristige Aufnahme von mehr Kindern in der sogenannten Notbetreuung ermöglicht.
An den Schulen, das haben mir diverse Gespräche mit Lehrer*innen gezeigt, sieht man sich – gemeinsam mit den Kommunen – zahlreichen Auflagen gegenübergestellt, die man nun in Kürze abarbeiten soll. Auch hier wird es ein langer Weg werden. Das Anbringen von Seifenspendern wird noch die einfachste Übung sein.
Eine gute Nachricht bekam ich letzte Woche vom Rektor des Ludwigsburger Goethe-Gymnasiums, Wolfgang Medinger. Dieser hatte sich vor einigen Wochen mit der Bitte an mich gewandt, an seiner Schule eine „Integrationsklasse“ einzurichten, die es Flüchtlingskindern erlaubt, auch ohne oder nur mit geringen Deutschkenntnissen am Unterricht teilzunehmen. Bisher gibt es eine solche Klasse im Kreis Ludwigsburg nur in Vaihingen/Enz. Nachdem sich das Regierungspräsidium gegen eine Integrationsklasse ausgesprochen hatte, habe ich mich an das Staatsministerium gewandt und um „Amtshilfe“ gebeten. Dort unterstützte man diese Idee. Nach Gesprächen zwischen den beiden Behörden gab es nun Grünes Licht für das Goethe-Gymnasium, d.h. ab September wird es somit auch in Ludwigsburg eine Integrationsklasse geben!
Erfreulich ist es, dass zwei Debatten in der medialen Öffentlichkeit zunehmen. Erstens: wir brauchen mehr europäische Solidarität. Wenn es nicht gemeinsam gelingt, den besonders betroffenen Ländern zu helfen, dann wird die europäische Idee nicht überleben. Winfried Kretschmann hat am Mittwoch in seiner Regierungserklärung nochmals deutlich darauf hingewiesen, dass wir Europa anders denken müssen. Freundschaft müsse sich besonders in schwierigen Zeiten beweisen.
Zweitens: es ist erfreulich, dass eine weitere Debatte an Fahrt aufnimmt. Nämlich die auch von mir schon in meinen früheren Briefen zur Corona-Krise aufgeworfene Frage, was wir nach der Krise denn verstärkt fördern sollen. Diese Woche haben sich beispielsweise 60 große Unternehmen gegen die Bestrebungen von Teilen der CDU und der FDP ausgesprochen, jetzt erst mal beim Klima-und Umweltschutz auf die Bremse zu treten, und haben im Gegenteil sogar weitere Anstrengungen verlangt. Es gibt keinen Planeten B!
Ganz oben auf der Agenda müssen eine andere Energie- und Mobilitätspolitik stehen. Es muss nun einen Innovationsschub geben. Weg von den fossilen Brennstoffen hin zur Elektromobilität und einem starken Ausbau des Öffentlichen Verkehrs. Unsere Städte müssen wieder mit mehr urbanem Leben erfüllt werden. Wir benötigen mehr Platz für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen. Nur so werden unsere Innenstädte überleben. Dazu bedarf es massiver Anstrengungen, die erneuerbaren Energien auszubauen. Ich kann nicht oft genug betonen, dass dies auch eine ökonomische Notwendigkeit sein wird. Seit 2017 sind in der Windenergie über 25000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Diesen Trend gilt es durch eine zukunftsorientierte Politik zu ändern, statt weiter auf Kohle zu setzen. Und die Solaranlage installiert in der Regel eben der lokale Handwerker.
Noch etwas offenbart die Corona-Krise: Deutschland ist bei der Digitalisierung weit abgehängt. Dies berichten mir Lehrer*innen, es beklagen sich Menschen aus der Wirtschaft und auch ich musste bei meinem wöchentlichen „After Homeoffice Apero“ erfahren, dass wir dieses Format nur auf die Beine stellen können, wenn ein Teil der Gäste – wie gestern Uwe Zellmer und Bernhard Hurm vom Theater Lindenhof – sich auf den Weg zu mir machen und wir mit dem nötigen Abstand an einem Tisch Platz nehmen. Auf der Schwäbischen Alb steht schlichtweg kein ausreichendes Netz zur Verfügung.
Nächsten Mittwoch, 6.5.20 wird zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr Umweltminister Franz Untersteller mein Gast sein. Dann geht es um das Thema „Klimaschutz trotz Corona“. Denn bekanntlich wird es gegen die Klimakatastrophe keinen Impfstoff geben. Bitte bei meiner Landtagsmailadresse anmelden! Dann schicken wir die Einwähldaten zu.
Letzte Woche haben die Medien berichtet, dass viele Menschen im Homeoffice merken, dass sie nicht mehr kochen können. Zusammen mit dem Spitzenkoch Peter Auer biete ich daher am 8. und 15. Mai jeweils von 17-19 Uhr einen Live-Stream mit dem Titel „Koche dich aus der Corona-Krise“an. Peter zeigt einfach zu realisierende, aber leckere und gesunde Gerichte. Näheres dazu nächste Woche.
Ich wünsche allen ein schönes langes Wochenende. Dieses Jahr heißt es leider nicht „Heraus zum 1. Mai“. Aber die Zeiten werden sich wieder ändern und dann werden wir vieles wieder mehr schätzen und genießen als zuvor!
Alles Gute, bleibt gesund!

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