Bild: Fraktion Grüne im Landtag von Baden-Württemberg

Corona-Brief I

Asperg, 28. März 2020
Liebe Freundinnen und Freunde,
in diesen Tagen fühle ich mich immer wieder an die aufregenden und Furcht einflößenden Tage und Wochen erinnert, die von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ausgelöst wurden. Auch damals wurden von einem Tag auf den anderen die Paradigmen gewechselt und lieb gewonnene Gewohnheiten mussten abgelegt werden. Verglichen mit den Tagen Anfang Mai 1986 sind die heutigen Hamsterkäufe eine Lappalie.
Trotzdem beeinträchtigt das Virus Covid-19 unser Leben in Deutschland heute mehr, als das damalige Reaktorunglück. 1986 konnten wir noch wie gewohnt unserer Arbeit nachgehen und uns mit allen Menschen, egal welcher Zahl, treffen. Heute sollen wir uns möglichst zu Hause aufhalten, keine sozialen Kontakte pflegen, und wir starren gebannt auf die neuesten Nachrichten, die uns über alle möglichen Kanäle ins Haus flattern.
Die meisten von uns haben sich schon lange mal eine Entschleunigung ihres Alltags, ihres ganzen Lebens gewünscht. Aber in diesem Wunsch steckte vor allem die Hoffnung, mehr Zeit für die Mitmenschen zu haben, Zeit für Kultur und Sport. In Zeiten von Corona sieht die entschleunigte Realität anders aus: Geburtstage werden abgesagt, geplante Urlaube fallen ins Wasser (in den letzten fünfzehn Jahren gab es kaum ein Ostern, an dem ich nicht ins Piemont gefahren bin). Plötzlich aber wird für viele das aktive außerhäusliche Leben quasi auf Null gefahren, für uns alle, auch für mich, keine leichte Erfahrung.
Es ist völlig ungewohnt durch gespenstisch wirkende Städte zu gehen, mit Menschen, die man erfreulicherweise doch noch trifft, aus zwei Metern Abstand zu reden und in Läden zu versuchen, niemandem zu nahe zu kommen. Speziell war in dieser Hinsicht auch die Sondersitzung des Landtags am 19. März mit jeweils zwei leeren Sitzen zwischen zwei Abgeordneten.
In all diese oft beklemmenden Erlebnisse mischt sich die Frage nach dem Einfluss dieser Wochen und womöglich Monate auf unser Zusammensein, auf die Demokratie, auf unser ganzes Lebensgefühl für die Zukunft. Die Beschlüsse im Bundestag und im Landtag haben zumindest gezeigt, dass die demokratischen Parteien, bei allen gegensätzlichen Ansichten, eine gemeinsame Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen. Wobei uns allen klar ist, dass die öffentlichen Haushalte unter dieser Krise noch einige Zeit leiden werden. Und logischerweise können wir unsere Ausgaben auch in der Zeit nach der Krise nicht stark zurückfahren. Dies wäre kontraproduktiv.
In meinem Home-Office ist allerdings von Ruhe noch nichts zu spüren. Video- oder Telefonkonferenzen sind zum täglichen Ritual geworden. Da keine Institution, keine Firma, geschweige denn Einzelpersonen auf diese Situation vorbereitet waren, werden nun in aller Eile Notprogramme aufgestellt. Es wird versucht, möglichst vielen oder gar allen Betroffenen zu helfen. Dies gelingt nicht immer sofort, aber überall, wo Probleme und Mängel auftauchen, wird nachjustiert. Meine Telefone stehen meistens den ganzen Tag nicht still. Manchmal habe ich den Eindruck, die Hektik unseres sonstigen Lebens findet nun konzentriert zu Hause statt. In vielen Gesprächen mit Kulturschaffenden, Gastronomen, Geschäftsleuten sowie Menschen mit kleinen und mittleren Betrieben kann man die nackte Existenzangst mit Händen greifen. Daher gibt es zu den Finanzhilfen keine Alternative. Darüber hinaus werde ich aber auch mit sehr persönlichen Problemen konfrontiert, beispielsweise wenn Menschen aus meinem Wahlkreis in einem fernen Land gestrandet sind und schon seit einiger Zeit auf die zugesagte Rückholung warten. Mittlerweile reagieren das Staatsministerium sowie das Auswärtige Amt auch an den Wochenenden auf meine entsprechenden Anfragen.
Andererseits ist sehr positiv zu sehen, dass viele Menschen noch viel Vertrauen in die Politik haben bzw. es in diesen Tagen zurückgewinnen, weil sie erkennen, eine komplexe Gesellschaft wie die unsrige funktioniert nur, wenn der Staat und seine Institutionen gut aufgestellt sind.
Sehr ärgerlich wird es aber, wenn unser Koalitionspartner CDU versucht, wichtige Entscheidungen zu umweltpolitischen Gesetzen, wie aktuell das fortgeschriebene Klimaschutzgesetz, mit dem Hinweis auf Corona auf die lange Bank zu schieben. Wir reden in jeder Video-Fraktionssitzung sehr lange über die aktuelle Krise, aber auch wenn die Klimakrise derzeit aus den Schlagzeilen verschwunden ist, von der Erde verschwunden ist sie nicht. CO2 hält sich mehr als hundert Jahre in der Atmosphäre. Daran ändert auch die Tatsache nicht, dass derzeit durch den zwanghaft beruhigten Straßen- und Flugverkehr etwas weniger entsteht. Die Grünen werden auf jeden Fall dem Gesetzentwurf des Umweltministeriums nächste Woche zustimmen! Die dafür notwendigen Gelder haben wir schon im Dezember beschlossen.
Ich hoffe, mit diesen wenigen Zeilen einen kurzen Einblick in mein derzeitiges Leben und Arbeiten gegeben zu haben. Gerne stehe ich für Fragen zur Verfügung. Wer konkrete Probleme hat, ist herzlich aufgefordert mich einfach anzurufen oder anzumailen. Ich werde zudem versuchen, ab nächste Woche eine Bürger*innen-Sprechstunde einzurichten.
In diesen Zeiten gilt es, zusammen zu halten, und Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, zu unterstützen. Wenn Sie die Wahl haben, kaufen Sie ihre Lebensmittel bitte bei den Bäckern und Naturkostläden usw. in ihrer Region ein, die noch geöffnet haben, damit dies auch nach der Krise noch möglich sein wird.
Viele lokale Buchläden haben spätestens jetzt einen Online-Bestellservice eingerichtet. Bitte nutzen Sie diesen bevorzugt zu den großen Versandhäusern. Auch sie brauchen unsere Solidarität. Und bereits für später gekaufte Geschenkgutscheine helfen in der gegenwärtigen Situation weiter, wie auch für Lieblingsrestaurants- und Kneipen.
Erfreulich ist es, dass plötzlich mehr und mehr Mitbürger*innen begreifen, welche tolle Arbeit Menschen in den Kranken-und Pflegeberufen leisten und wie dankbar wir für diese Arbeit sein müssen. Und wir alle haben wohl mittlerweile erkannt, dass es vieler fleißiger Hände bedarf, um die Regale unserer Läden tagtäglich so zu bestücken.
Ich wünsche allen: Bleiben Sie gesund! Verlieren Sie nicht Ihren Optimismus! Nehmen Sie das positive dieser veränderten Welt in sich auf und genießen Sie die zahlreichen für die nächste Woche angekündigten Sonnentage.
Bekanntlich hilft Humor immer. Und das Lachen sollen wir nicht verlernen. Deshalb empfehle ich die erste Folge von Gerhard Polts „Fast wia im richtigen Leben“, die unter folgendem Link aufrufbar ist https://polt.de/fast-wia-im-richtigen-leben-folge-1/#gs.1zmlkw
Viel Vergnügen damit!

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