Rede zur Interkulturalität an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

1. März 2017

Nach dem traditionellen Aschermittwochs-Gottesdienst für Künstler in der Hohenheimer Sankt-Antonius-Kirche fand die Anschlussveranstaltung zum Thema „Beitrag von Kunst und Kultur für eine erleichterte Integration von Flüchtlingen“ statt.

Jürgen Walter sprach in seiner Rede über Interkulturalität und Brücken, die sie bauen kann. Er kritisierte die Welle des Rechtsradikalismus und des Populismus in Europa und in den USA und hat sich für die Werte einer liberalen Demokratie ausgesprochen. Die komplette Rede ist hier nachzuschauen:

Mauern oder Brücken bauen: Was (Inter-)kultur leisten kann

Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Fürst,
sehr geehrte  Frau Dr. Wodtke-Werner,
sehr geehrte Kulturschaffende,

ich möchte mich zunächst für die Einladung bedanken, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Und ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich zum Beginn der Fastenzeit einem Thema widmen, das für den Zusammenhalt, die Solidarität, dem friedlichen Zusammenleben und damit dem Überleben unserer Gesellschaft elementare Bedeutung hat.

Nur zwei Zahlen belegen, warum wir es uns nicht leisten können, Interkultur als die Spielwiese einiger Idealisten zu betrachten: In den meisten Großstädten haben heutzutage mehr als 30% der Einwohnerinnen und Einwohner Migrationshintergrund. In den Kitas der Stadt Stuttgart sind es mehr als zwei Drittel.

Dies heißt, wer glaubt, man könne dieses Rad jemals wieder zurückdrehen, der verweigert sich schlichtweg der Realität. Der britische Historiker Peter Frankopan hat es so ausgedrückt: „Alles kann wiederkommen. Aber nichts kommt zurück, wie es mal war. Es gibt kein Zurück“.  Deshalb ist es dringend geboten, dass wir uns dieser historischen Aufgabe stellen.  Denn: der „Melting Pot“, einst das Sinnbild für New York,  ist mittlerweile überall. Mehr als 50 Millionen sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht. So viele wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die allerwenigsten im Übrigen sind dies freiwillig.

Lassen Sie mich zuerst ein paar Worte zum gesellschaftlichen Umfeld sagen. Die Wahlerfolge von Rechtsradikalen und Faschisten in Europa und im vergangen Jahr in den USA – den Begriff Rechtspopulisten betrachte ich als Euphemismus – haben deutlich gemacht, dass viele liebgewonnene Errungenschaften unserer demokratischen, weltoffenen und liberalen Gesellschaften unter massivem Druck stehen.

In Zeiten der Globalisierung, der Digitalisierung  und der damit zunehmenden Komplexität wird die Sehnsucht nach Autokraten, Diktatoren und Antidemokraten bei einem Teil der Bevölkerung wieder stärker. So,  hoffen zumindest viele, würden die Ursachen für ihre  Ängste beseitigt werden. Und es ist sicher alles andere als ein Zufall, dass bei den postdemokratischen Regierenden die Freiheit der Kultur in Frage gestellt wird.

Es wird in Zukunft weniger bequem sein, eine Demokratin oder ein Demokrat zu sein. Es gilt vielmehr darum, die liberale Demokratie gegen ihre Gegner und Feinde zu verteidigen. Heute möchte ich mich natürlich mit der Rolle von Kunst und Kultur in diesem Kampf beschäftigen.  Die Kultur selbst wird im Übrigen bei den Attacken auf die verhassten Eliten auch nicht verschont. Im Theater Altenburg-Gera beispielsweise, sahen sich die Macher des Hauses wüsten Angriffen ausgesetzt, weil es sich der Intendant erlaubt hatte, die Rolle des „Hauptmann von Köpenick“ mit einem Schwarzafrikaner zu besetzen. Rassismus im Alltag, Übergriffe auf Flüchtlinge, sowie Brandanschläge auf Flüchtlingsheime sind die traurige schwarz-rot-goldene Realität im Jahre 2017.

Aber, wir haben es schon gehört: „Es gibt kein Zurück“. Wobei, dies sei nicht unerwähnt, die Realität vergangener Zeiten meistens heterogener war als viele heute glauben. Erinnern wir uns nur, wie viele Polen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nach Deutschland kamen.  Ab den fünfziger Jahren kamen viele Arbeiter aus Südeuropa nach Deutschland. Und hätten wir sie nicht als Gastarbeiter, sondern gleich als neue Mitbürger begrüßt hätten, wäre manches einfacher gewesen. Welche Bereicherung jenseits der Gastronomie diese neuen Mitbürger waren, haben manche erst begriffen, als sie die Aufstellung der deutschen Fußballnationalmannschaft anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien gelesen haben. Um dann aber gleich einen kleinkarierten Streit darüber zu entfachen, warum einige der Spieler mit weniger deutsch klingenden Namen nicht die Nationalhymne mitsingen. Als ob ein Franz Beckenbauer oder ein Günter Netzer jemals die Nationalhymne gesungen hätten.

Es wurde in den vergangenen Jahren viel über die deutsche Leitkultur diskutiert. Und in nichts drückt sich der Umgang mit einer Kultur mehr aus als in der Nutzung der Sprache. Deshalb muss ich an dieser Stelle ausdrücklich auf die sehr erfolgreichen Schriftstellerinnen und Schriftsteller hinweisen, die oft erst im Laufe ihres Lebens nach Deutschland kamen und es trotzdem geschafft haben, der deutschen Literatur neue Impulse zu geben. Die Bücher des in Bosniern geborenen Sasa Stanisic wurden im Übrigen in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Und wenn wir schon auf dem gebiet der Sprache von den Zuwanderern lernen können, warum nicht auf vielen anderen Gebieten. Und wer glaubt, dies sei auch nur eine Zeiterscheinung des 21. Jahrhunderts, dem halte ich den schönen Satz der aus Ungarn stammenden Trägerin des Deutschen Buchpreises, Terezia Mora, entgegen:  „Ich bin genauso deutsch wie Franz Kafka“!

Es ist wenig verwunderlich, dass ein ökonomisch so erfolgreiches Land wie Baden-Württemberg auf viele Menschen anziehend wirkt. Derzeit leben in Baden-Württemberg fast drei Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte. Einwanderung ist auch im Ländle ein selbstverständlicher Teil unserer Geschichte. Kulturelle Vielfalt gehört längst zu unserem Alltag. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dachte man, es reiche eine „Woche des ausländischen Mitbürgers“ zu machen, in der Migranten und Deutsche sich zum Paella essen und Sirtaki tanzen treffen. Dies war gut gemeint, aber viel zu kurz gegriffen.

Heutzutage ist man weiter: „Eigenkultur“ und „Fremdkultur“ treffen aufeinander und treten idealerweise in Austausch, damit etwas Neues entsteht.. Damit dieses Neue, die Interkultur, gedeihen kann, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein:

Es muss Orte geben, an denen interkulturelle Begegnungen möglich sind – zum Beispiel Kulturvereine, sozio-kulturelle Zentren oder auch Theater.  Und es muss einen Wertekanon geben, der allen Beteiligten gemeinsam ist – Offenheit und Toleranz, Respekt und Vorurteilslosigkeit. Dann können die Kulturen in freien Austausch treten, einander bereichern und miteinander neue Sichtweisen und Ideen hervorbringen. Wir hatten heute schon Gelegenheit das vorbildliche Projekt von Cornelia Lanz zu hören. Flüchtlinge und die klassische europäische Musik zusammenzubringen, ist eine glänzende Idee.

Ein besonders schönes und erfolgreiches Beispiel ist das „Silk Road Orchestra“ des Cellisten Yo Yo Ma, der in seinem Programm westliche und östliche Musik und Musiker aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenbringt. Sein Ansatz: er bietet beispielsweise Konzerte mit Bach und Brahms, aber auch mit syrischer Hochzeitsmusik. So sollen alle, die wegen des einen oder des anderen Programmteils kommen, auch die andere Kultur kennen und lieben lernen.  Brücken statt Mauern bauen.

Allein diese beiden Beispiele machen schon deutlich, warum also die Kultur eine große Rolle spielen kann und muss,  wenn es um das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft geht.  Kunst und Kultur sind unverzichtbare Impulsgeber, um Gesellschaft und Politik zu hinterfragen und neue Denk-und Handlungsräume zu erschließen.  Eine Gesellschaft, die sich umfassend mit Kunst und Kultur auseinandersetzt, hat die besten Voraussetzungen, um rasante Veränderungen und jähe Umbrüche zu bewältigen – und – dies muss schließlich das Ziel sein: gestärkt aus ihnen hervorzugehen.  

Kultur ist und muss eine permanente „Krise“ sein.  Dies mag Sie zunächst wundern, aber geht man der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Krise auf den Grund, wird es verständlich. Das Wort „Krise“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Trennung“ und „Unterscheidung“. In unserem Sprachgebrauch also die Trennung, die Unterscheidung von dem, was richtig und falsch ist.

Kultur hat die Chance, eine Debatte zu führen, die sich nicht nur zwischen den Polen „Ja“ und „Nein“ bewegt. Die Stärke von Kunst und Kultur liegt in der Indifferenz, im Blick auf die Nuancen, die Zwischentöne, die Schattenseiten von „Ja“ und „Nein“. Unterschiedliche Wege und Ästhetiken permanent zu diskutieren und zu erproben, sich Einflüssen von außen zu bemächtigen. Dies ist zwar anstrengend, aber letztendlich das Erfolgsgeheimnis der Kultur.

Während beispielsweise im Theater meist lustvoll mit Krisen umgegangen wird, ist dies in der Gesellschaft völlig anders. Allzu oft höre ich dort grob gestrickte Argumentationsmuster, den Ruf nach einfachen Lösungen. Wo nüchternes Denken und besonnenes Abwägen am Platz wäre, machen sich dumpfe Gefühle und ungezügelte Empörung breit.

Angst – schon immer ein schlechter Ratgeber – bestimmt zunehmend gesellschaftliche Diskussionen, die in Wut umschlägt und die tausendfach und sekundenschnell über soziale Medien verbreutet wird (s. Heidelberg am vergangenen Wochenende). All dies ist ein Ausdruck davon, wie tief unsere Gesellschaft erschüttert, ja teilweise geradezu gespalten, ist. Plötzlich kommen die Krisen der Welt nicht „per Tagesschau“ nach Hause, sondern sie klopfen direkt an die Haustüre.

Kunst ist frei, so sagen wir gerne. Und gerade deswegen ist es die Aufgabe der Kunst, sich den Krisen unserer Zeit zu stellen, sich mit der Realität unserer Gesellschaft auseinander zu setzen. Die Kultur muss Stellung beziehen, natürlich mit den Mitteln der Kunst.

Darüber streiten sich die Kunstgelehrten. So gab es im letzten Jahr eine Debatte darüber, ob man Flüchtlinge auf die Bühne bringen soll. Der lettische Theaterregisseur Alvis Hermanis hat nein gesagt. Sein deutscher Kollege Leander Haussmann sprach davon, das Theater müsse auch mal der Ort sein, „an dem die Gegenwart Hausverbot“ hat.  Außerdem seien Schauspielhäuser keine moralischen Anstalten.

Dies ist sicherlich in manchen Fällen richtig, aber nichtsdestotrotz gehören meiner Meinung nach gesellschaftliche Konflikte auf unsere. In meiner Zeit als Staatssekretär habe ich daher mit voller Überzeugung ein Projekt des Nationaltheaters Mannheim unterstützt. „Mannheim Arrival“ so der Titel des Projekts, beschäftigt sich mit Flüchtlingen und ihrer Geschichte beschäftigt und das mit Sprachkursen etc. weit über eine Theateraufführung hinausreicht. 

Kunst und Kultur müssen sich in Krisenzeiten verstärkt der Gesellschaft zuwenden und dazu beitragen, dass Vernunft und nicht Angst, die notwendigen Debatten steuert. Ich mache mir Sorgen, dass die so genannte Mitte der Gesellschaft erodiert. Ich möchte mir ein Deutschland mit 30% Rechten wie in Frankreich, Polen, Ungarn und den USA gar nicht vorstellen. Ich erschrecke schon, wenn ich lese und höre, welche fragwürdigen und postdemokratischen Herrscher ein bayrischer Ministerpräsident seine Freunde nennt.  Denn schon als Kinder haben wir doch gelernt: zeige mir deine Freunde…

Vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt – so glaube ich – brauchen wir eine neue Erzählung, wer wir sind und wie wir werden wollen. Wir benötigen hierzu Debatten in der Zivilgesellschaft, in der Kultur und in der Wissenschaft. Dieser Diskurs muss das Publikum einbeziehen, bei dem die Sehnsucht nach Selbstvergewisserung, nach Trost und Regression umso größer wird, je stärker draußen die Stürme toben.

Auch die Politik muss sich der Aufgabe stellen, den interkulturellen  Dialog voranzutreiben und neue Ausdrucksmöglichkeiten hervorzubringen.  Das Kunstministerium hat deswegen bereits vor zwei Jahren mit der Broschüre „Interkultur für alle“ einen Praxisleitfaden für die Kulturarbeit veröffentlicht. Initiiert wurde dieser Leitfaden von einem Expertenkreis aus Kommunen, Kultureinrichtungen und Migrantenorganisationen.

„Interkultur für alle“ ist mit dem Ziel formuliert worden, Kultureinrichtungen, Verwaltung und Politik geeignete  Werkzeuge an die Hand zu geben, um interkulturelle Kulturarbeit in der Praxis zu verwirklichen. Bekanntermaßen fehlt es in der Regel nicht um den guten Willen, aber oft fehlt das Wissen um das Wie. Genau das soll der Leitfaden vermitteln. Fest steht: Eine Einrichtung, die zukunftsfähig sein will, muss auf die zunehmende Diversität der Gesellschaft reagieren.

Menschen mit Migrationshintergrund nehmen noch zu wenig am künstlerischen und kulturellen Leben teil. Dies liegt auch daran, dass es an interkulturelle Angeboten fehlt und oftmals auch an der mangelnden interkulturellen Öffnung von Kultureinrichtungen. Gleichzeitig beklagen sich aber auch Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migrationshintergrund, dass ihnen für das Fernsehen fast ausschließlich Rollen als Asylbewerber angeboten werden. Dieses Beispiel zeigt, auf allen Seiten gibt es noch viel zu tun.

Lassen Sie mich ein paar Projekte und Ideen nennen, die in den letzten Jahren in die Tat ungesetzt wurden:

Als Erstes möchte ich den Innovationsfonds Kunst nennen. Er war mir schon als Oppositionsabgeordneter ein wichtiges Anliegen. Von daher war es für mich selbstverständlich, dass er Bestandteil des Koalitionsvertrags der Grün-Roten Landesregierung wird. Und selbstverständlich war eine der Projektlinien der Interkultur gewidmet. Mehr als 2 Millionen Euro sind seither in die interkulturelle Arbeit geflossen. Geld, das unsere Kultureinrichtungen dringend benötigten. Als die Zahl der Flüchtlinge ab 2014 stark zunahm, haben wir zudem zusätzliche 250000 Euro für kulturelle Arbeit mit Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Wie schnell die Kulturszene auf die neue gesellschaftliche Herausforderung reagierte, sehen sie daran, dass von mehr als 150 Anträgen jeweils nur ca. 20 positiv beschieden werden konnten. Eine der Stärken des Innovationsfonds Kunst ist die flexible Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen, wie man an der ad hoc eingeführten Projektlinie für Flüchtlinge erkennen kann.

Gemeinsam mit dem Forum der Kulturen in Stuttgart und der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch-Gmünd wurde ein Qualifizierungsprogramm für Kultureinrichtungen entwickelt. Dabei stellen sich viele Fragen: Wie nehmen Menschen, deren Wurzeln nicht in Deutschland liegen, deutsche Kulturinstitutionen wahr? Wie müssen sich Kultureinrichtungen verändern, um Menschen aus anderen Kulturen besser zu erreichen? 

Hier in Stuttgart ist es sicherlich erlaubt, dass ich die herausragende Rolle des Forums der Kulturen in Stuttgart ausdrücklich erwähne. Zu den vielfältigen Veranstaltungen gehört auch das international beachtete Festival „Made in Germany“. Es bietet vornehmlich Theaterstücke aus der Feder von Menschen mit Migrationshintergrund. Erfreulicherweise ist es in den letzten Jahren immer mehr gelungen, auch junge Menschen aus dieser Gesellschaftsgruppe ins Publikum zu holen. Aufgrund der guten Arbeit von Rolf Graser und seinem Team wurde die institutionelle Förderung für das Festival ab 2015 erhöht.

Nicht vergessen sollten wir die vorzügliche Arbeit, die zahlreiche Kinder-und Jugendtheater auf dem Gebiet der Interkultur leisten. Logischerweise fängt man damit in der Grundschule an. An keinem anderen Ort ist die Gesellschaft so in ihrer Gesamtheit vertreten.  Es war mir daher auch ein wichtiges Anliegen, die beiden einzigen selbstständigen Kinder-und  Jugendtheater des Landes, nämlich das JES in Stuttgart und das Theater Marienbad in Freiburg mit einem eigenständigen Haushaltstitel zu versehen.

Wir alle wissen, wie sehr Musik verbindet. Mannheim ist nun seit zwei Jahren die zweite europäische Stadt nach Rotterdam mit einem eigenen Studiengang für Weltmusik. Die orientalische Akademie Mannheim sowie die Popakademie haben sich zu einem tollen Projekt zusammengeschlossen. Auch dies ein sehr wichtiger Baustein zur Förderung der Interkultur.

Diese Beispiele zeigen, die Kulturinstitutionen haben sich auf den Weg gemacht, die gesellschaftlichen Veränderungen aufzugreifen und in ihre tägliche Arbeit zu integrieren.

Ich habe schon darauf hingewiesen, dass  die Zuwanderung kein neues Phänomen ist. Genau so wenig wie die Ablehnung der Neuankömmlinge. Und viele von Ihnen erinnern sich sicherlich noch genau, dass über die so genannten „Flüchtlinge“ auch in Schwaben, Bayern, Baden und anderswo nicht besonders freundlich geredet wurde. Und willkommen waren sie trotz ihrer deutschen Herkunft ganz gewiss nicht. Aber immer wenn dieser Prozess abgeschlossen war, war die gesellschaft stärker als zuvor.

Wie sehr sich die Völker schon seit dem Altertum immer wieder vermischt haben, wird besonders schön von Carl Zuckmayer in seinem Theaterstück „Des Teufels General“ dargestellt.  Viele von Ihnen werden dieses Zitat kennen, aber vielleicht hören Sie es – wie ich auch – immer wieder gerne:

Carl Zuckmayer war mit Ernst Udet, einem Fliegeras, befreundet. 1941 verunglückte der zum Idol aufgestiegene Udet unter mysteriösen Umständen. In seinem weltbekannten Theaterstück „Des Teufels General“ verewigt Zuckmayer den zum Luftwaffengeneral aufgestiegenen Udet.

General Harras ist zu nächtlicher Stunde mit dem Fliegerleutnant Hartmann zusammen. Manches Glas war gelehrt worden. Sie wissen nicht, daß ihr Gespräch abgehört wird. Hartmann hat Liebeskummer, Fräulein von Mohrungen hat die Verlobung mit ihm gelöst.

Harras: So, Hm. Warum denn?

Hartmann, Wegen einer Unklarheit in meinem Stammbaum, Herr General. Meine Familie kommt nämlich vom Rhein. Mein Vater und Großvater waren Linienoffiziere – es besteht kein Verdacht einer jüdischen Blutmischung. Aber – eine meiner Urgroßmütter scheint vom Ausland gekommen zu sein. Man hat das öfters in rheinischen Familien. Sie ist unbestimmbar. Die Papiere sind einfach nicht aufzufinden.

Harras  So so. Daran liegt’s. Da läuft so ein armer Junge mit einer unbestimmbaren Urgroßmutter herum. Na, und was wissen Sie denn über die Seitensprünge der Frau Urgroßmutter? Die hat doch sicher keinen Ariernachweis verlangt. Oder – sind Sie womöglich gar ein Abkömmling von jenem Kreuzritter Hartmann, der in Jerusalem in eine Weinfirma eingeheiratet hat?

Hartmann,  So weit greift die Rassenforschung nicht zurück, Herr General.

Harras Muß sie aber! Muß sie! Wenn schon – denn schon! Denken Sie doch – was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie:

Vom Rhein – noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas!  Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Meine Rede hat leider etwas länger gedauert als ein Tweet. Aber schließlich wollen wir Brücken anstelle von Mauern bauen. Wir wollen die Gesellschaft versöhnen statt spalten. Dies alles dauert eben etwas länger als ein Tweed. Und wenn ich dies als Protestant in einer katholischen Institution sagen darf: Ich bin mir sicher, Papst Franziskus wird nur den Brücken, aber nicht den Mauern seinen Segen erteilen.

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld