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90 Jahre der Freien Kunstschule Stuttgart e.V.

2. Mai 2017

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Offizieller Höhepunkt des Gründungsjubiläums der FKS fand am 2. Mai 2017 im Großen Kursaal in Stuttgart-Bad Cannstatt statt. Die Festrede über den Schiller’schen Leitspruch der Akademie „Kunst ist eine Tochter der Freiheit“ hielt Martin R. Handschuh, Rektor der Freien Kunstschule Stuttgart. Michael Föll, Erster Bürgermeister der Landeshautstadt Stuttgart, und Jürgen Walter, MdL, Staatssekretär a. D. im Ministerium für Wissenschaft Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, standen ebenfalls am Rednerpult.

Jürgen Walters Rede zum 90. Jubiläum der Freien Kunstschule Stuttgart e.V. 

Sehr geehrter Herr Rektor Handschuh,
sehr geehrter Herr erster Bürgermeister Föll,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrte Dozentinnen, Dozenten und Studierende!

Zwei Jahre vor dem großen Bauhausjubiläum feiert die Freie Kunstschule Stuttgart ihren 90. Geburtstag. Unsere heutige Feier kann durchaus als eine Art Einstieg in die Bauhausfeierlichkeiten verstanden werden. Denn wie wir alle wissen,  an beiden Einrichtungen wurde die Kunstpädagogik Adolf Hötzels gepflegt. Denn einige seine Schüler – ich möchte in diesem Zusammenhang nur Ackermann, Schlemmer und Baumeister nennen – trugen seine Ideen an das Bauhaus, wo man sie begierig aufgriff und weiterentwickelte.

Und wenn man bedenkt, dass Hölzels Prinzipien bis heute die pädagogische Grundlage der Freien Kunstschule bilden, kann man leicht erkennen, wie modern und zukunftsorientiert sie damals  gewesen sein mussten.

Einst wurde die Freie Kunstschule als unabhängiges Gegenmodell zur staatlich geförderten Ausbildung gegründet. Wo wollte freier und moderner in den Lernmethoden sein. Heutzutage ist die Freie Kunstschule kein Gegenmodell, aber doch eine sinnvolle und wichtige Ergänzung im Lernangebot Stuttgarts und Baden-Württembergs.

Anfang des 20. Jahrhunderts bildete sich eine antiakademische Gegenbewegung zur staatlichen Ausbildung des 19. Jahrhunderts, die schließlich die internationale Moderne nach Deutschland befördert hat, die sogenannte Sezessionsbewegung. Hölzel erkannte, dass überall, aber gerade in der Kunst, ein Counterpart zur staatlichen Instanz wichtig und notwendig war, um Neues zu generieren. Damals ging es auch darum, den aus Sicht der Avantgarde „guten Abgelehnten“ der staatlichen Einrichtungen ein Auffangbecken zu geben, eine „zweite Chance“, denn vielleicht sind sie in ihrer Künstlerfunktion, als „Fingerkupppen unserer Gesellschaft“, doch auch irgendwie wichtig, wegweisend und sehr gut. Nur weil sie von der staatlichen Schule abgelehnt wurden, dem offiziellen Zeitgeschmack nicht entsprachen, hatten sie doch oft viel zu sagen zu unserer Welt. Und ist die Kunstgeschichte nicht voll mit Verfemten ihres Zeitgeistes. Van Gogh, Turner und wie sie alle heißen mögen. Überhaupt die Impressionisten!

Hölzel war überzeugt, dass zum herkömmlichen Ausbildungsmodell ein Diskurs gehört, der es schafft, Moderne, Innovation, Weiterentwicklung zu einem wesentlichen Bestandteil der Ausbildung zu machen, weil er erkannt hat, dass es die Alternative zur herkömmlichen „Wahrheit“ braucht, um weiter zu denken. Nur so, davon war es fest überzeigt, kann man in die Zukunft gehen.

In der Kunst ist es wie in der Politik: – wer weiter will, muss streiten und überkommene Strukturen überwinden. Nur so können wir Zukunft gestalten und voranzukommen. Wir brauchen historisch schon immer beides: Akademie und freien Geist!

Besonders hervorheben möchte ich das sogenannte „Basisstudium“. Ein zweisemestriger Studiengang vor dem eigentlichen Studium. Es gibt den Studierenden die notwendige Orientierung, es lädt sie ein, sich mit einem vielfältigen Angebot unterschiedlicher Disziplinen zu beschäftigen, von der Malerei und Bildhauerei über die Architektur bis hin zur Grafik. Wer dieses „Basisstudium“ durchlaufen hat, weiß in der Regel, welchen Weg sie oder er gehen wird. Außerdem lernen die Studierenden ganz im Sinne der Gründerväter der Kunstschule fächerübergreifend zu denken.  So ist geradezu logisch, dass die Freie Kunstschule so herausragende Künstler wie Ben Willikens oder Jan-Peter Tripp hervorgebracht hat, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Sehr beeindruckend finde ich die vielfältigen Kooperationen und Partnerschaften, die zum einem Markenzeichen der Freien Kunstschule geworden sind. Da ich selbst einmal ein Jahr in Oregon studiert habe, möchte ich insbesondere die Partnerschaft mit dem Pacific North West College of Arts in Portland hervorheben.  Dort herrscht ein sehr weltoffenes, liberales Klima, in dem sich Kunst und Kultur bestens entwickeln können. So gesehen kann sich Donald Trump geradezu glücklich schätzen dort um die 20% erzielt zu haben.

Die Freie Kunstschule hat sich nie von einer politischen oder ideologischen Strömung vereinnahmen lassen. Als der Druck der Nazis zu stark wurde, hat man die Schule kurzerhand geschlossen, um mit neuem Mut unmittelbar nach der Befreiung wieder mit der Lehre anzufangen. Diesen Geist der Freiheit wird – da bin ich mir sicher – auch weiterhin durch die Räume der Freien Kunstschule wehen.

Wie alle kulturellen Einrichtungen sieht sich auch die Kunstschule großen Herausforderungen gegenüber.  Unsere sich rapid verändernde Gesellschaft wird immer heterogener. Die Welt wird komplexer und daher glauben manche man müsste nur das Rad wieder zurückdrehen und alles würde wieder einfacher, schöner und leichter werden. Die Auseinandersetzungen im politischen Raum, nicht nur auf der Straße und an den Stammtischen, sondern auch in den Parlamenten werden rauer und unversöhnlicher.

Schon immer hat es die Kultur verstanden, der Gesellschaft in Krisenzeiten neue Impulse zu geben. Auch heutzutage kann und muss die Kultur eine bedeutende Rolle spielen, wenn um das Zusammenleben in unserer Gesellschaft geht. Kunst und Kultur sind unverzichtbare Impulsgeber, um uns selbst, die Gesellschaft und die Politik zu hinterfragen und um neue Denk-und Handlungsräume zu erschließen. Nur wem es gelingt, altes durch neues Denken zu ersetzen, der kann gestärkt aus einer Zeit mit Krisen und Umbrüchen hervorgehen.

Kunst und Kultur sind es, die permanent unterschiedliche Wege und Ästhetiken diskutieren und erproben kann, sich Einflüssen von außen zu öffnen. Dies ist anstrengend, aber letztendlich das Erfolgsgeheimnis der Kultur.

Kunst und Kultur sollen und müssen dabei helfen, den Menschen wieder die Lust  auf Zukunft zu machen. Viel zu viele Debatten in unserer Gesellschaft sind von Angst geprägt. Dabei wissen wir doch alle, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Während in der Kunst oft lustvoll mit Krisen umgegangen wird, reagiert unsere Gesellschaft völlig anders. Grob gestrickte Argumentationsmuster ersetzen nüchternes Denken und Abwägen.

All dies zeigt, wie tief erschüttert unsere Gesellschaft, ja geradezu gespalten  von den Krisen der nahen Vergangenheit ist. Die Krisen der Welt fanden jahrzehntelang vornehmlich in den Medien statt. Nun klopfen sie plötzlich an die Haustüre.

Und machen wir uns nichts vor. Auch die Kunst selbst gerät unter Beschuss. Auch sie wird von den  Wütenden zur Elite gezählt, der man überdrüssig ist. Natürlich ist die Kunst frei, aber gerade hat die Aufgabe, sich den Krisen unserer Zeit zu stellen, sich mit der Realität unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Sie muss Stellung beziehen, selbstverständlich mit den Mitteln der Kunst.

Vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt brauchen wir eine neue Erzählung, wer wir sind und wie wir werden wollen. Ich bin mir sicher, die Freie Kunstschule wird dies in ihre Pädagogik, in ihre miteinbeziehen und junge Menschen so ausbilden, dass sie bereit sind, mit ihrer Kunst die Sehnsucht der Menschen nach Selbstvergewisserung, nach Trost und Regression zu erfüllen. Auch wenn draußen die Stürme noch so toben!

Deshalb ist es auch so wichtig, mit anderen Universitäten und Fakultäten zu kooperieren, deshalb ist der internationale Austausch unersetzlich. Lieber Herr Handschuh, Sie und ihr Team auf einem guten Weg. Ich hoffe, Sie finden bei allen staatlichen Institutionen die Anerkennung, die Sie nun von der Stadt Stuttgart erfahren haben.

In diesem Sinne wünsche ich der Freien Kunstschule Stuttgart alles erdenklich Gute für die Zukunft!

Herzlichen Glückwunsch zu  diesem schönen Jubiläum!

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